Urteile und Wertungen: Vermummte in Hongkong gut, in Berlin böse

Derzeit gelten Demonstranten in Hongkong als die Guten, die Stadtregierung und deren Polizisten als die Bösen. Den Kopftuchzwang im Iran empfindet das ZDF als schauerlichen Angriff auf die individuelle Freiheit. Der wesentlich härtere Kopftuchzwang in Saudi-Arabien verschwindet hinter der Meldung, dass dort der Reformwille voranschreite. In Ägypten finden wir die Proteste gegen den Militärdiktator al-Sisi derzeit wieder gut (= „zivilgesellschaftlich“) und vergessen bitte raschestens, wie sehr uns der Militärputsch al-Sisis gegen den infolge des Arabischen Frühlings gewählten Staatspräsidenten Mohamed Mursi 2013 erleichterte. Natürlich jubelten wir nicht über die massenhaften Todesurteile, die das neue, dem Westen verbundene Kairoer Regime fällen ließ, fragten nicht nach Folter und Gefängnissen, sondern übergingen all das mit Schweigen. Realpolitik erfordert eben Kompromisse.

So weit man weiß, hat es in Hongkong trotz der tief ins Existenzielle reichenden Proteste noch keinen Toten gegeben. Das verdankt sich auch der dortigen Polizei und deren Führung. Diese hat sich wegen eines Schusses, der von einem schwer bedrohten Polizisten abgegeben wurde, öffentlich entschuldigt. Wo gibt es das sonst? Doch prompt legte Marietta Slomka ihr Schluchztremolo auf und verkündete mit bebender Stimme: „Erstmals wurde auch scharf geschossen.“ Was wäre denn los, wenn in Frankfurt am Main zum Beispiel radikalisierte Klimakämpfer den Flughafen tagelang blockieren, die U-Bahn demolieren und die Polizei fortgesetzt mit Molotowcocktails bewerfen würden, gedeckt von Zehntausenden friedlichen Aktivisten? Solchen simplen Überlegungen zum Trotz wird Angela Merkel bedrängt, sich öffentlich für die Protestierer in Hongkong stark zu machen, und Außenminister Heiko Maas ergreift wortreich deren Partei. Bekanntlich verspottete Konrad Adenauer seinen Außenminister Heinrich von Brentano, der unter ihm nichts zu melden hatte, als „feierliche Null“ – auch mit einer geschwätzigen Null kommt man als Bundeskanzlerin irgendwie zurecht.

Neuerdings besteht ein Vermummungsverbot in Hongkong. Empörung in unseren Medien! Kein Wort davon, dass wir ein solches Verbot schon lange haben. Ich bin übrigens froh darüber. Warum sollten der linksradikale Schwarze Block oder eine rechtsradikale Kameradschaft Wir-für-Deutschland die Leute vermummt terrorisieren dürfen? Und was geschieht eigentlich im westlich befreiten Irak? Dort sind während der vergangenen Tage mehr als hundert Demonstranten erschossen worden. Dieses Thema versenken unsere Medien unter „ferner liefen“. Schließlich „unterstützt“ Deutschland „die irakischen Sicherheitskräfte“ in Bagdad. Wie und mit welchen Ergebnissen – wer möchte das schon so genau wissen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leserinnen und Leser, ich bin weder für Kopftuchzwang und islamische Revolutionswächter noch für diktatorische Verhältnisse in Ägypten oder Hongkong. Aber ich plädiere für Urteilsgerechtigkeit. Ich meine, unsere Berichterstatter, Kommentatoren und Politiker sollten sich nicht rechthaberisch, siegesgewiss und aufwiegelnd in die Verhältnisse anderer Länder und aus vielerlei Gründen anders strukturierter Gesellschaften einmischen. Die Devise sollte lauten: Mäßigt euch, sucht nach eigenen, möglichst friedlichen Wegen der Veränderung.