Ulrich Matthes: „Mit einem AfD-Anhänger könnte ich nicht befreundet sein“

Sein sonst so positives Menschenbild gerate ins Wanken angesichts der Anhänger von AfD, sagt Matthes.

Sein sonst so positives Menschenbild gerate ins Wanken angesichts der Anhänger von AfD, sagt Matthes.

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Christian Schulz

Der Schauspieler Ulrich Matthes ist seit jeher politisch interessiert. Ein Wunder ist das nicht. Sein Vater war politischer Journalist. Matthes selbst ist durch intensive Zeitungs-Lektüre immer auf Ballhöhe – und das nicht allein in den Feuilletons, sondern auch im Sport und eben: in der Politik. Wir treffen uns im Café Einstein in der Kurfürstenstraße zum Gespräch über die Lage der Nation. Der 57-Jährige trinkt Tee – und ist fröhlich.

Herr Matthes, hatten Sie in letzter Zeit Angst um Deutschland?

Ich versuche grundsätzlich, dem allgemeinen Alarmismus, den ich bei erschreckend vielen Leuten wahrnehme, eine Gelassenheit entgegen zu setzen, die zu meinem Charakter gehört und die ich trotz der weltpolitischen Lage für die angemessene Reaktion halte. Angst habe ich, wenn ich in einer Sackgasse von drei bewaffneten Räubern überfallen werde. Aber beunruhigt bin ich schon.

Was beunruhigt Sie?

Mich beunruhigt natürlich der weltweite islamistische Terror. Mich beunruhigt aber auch das Aufkommen einer Partei wie der AfD, die sich teilweise erfolgreich bürgerlich verkleidet, sowie anderer rechter europäischer Parteien und damit die Gefahr einer Erosion der Demokratie in Europa. Mich beunruhigt das mehr als die Geflüchteten. Dass unter der Mehrheit von über einer Million Flüchtlingen eine Minderheit einen schlechten Charakter hat, kriminell oder psychotisch ist, liegt in der Natur der Sache und wäre bei über einer Million Deutschen auch so. Ich muss aber gestehen, dass ich wahnsinnig oft auf mein Smartphone gucke, um zu sehen, was in diesen schrecklichen Zeiten vor allem international vor sich geht. Deutschland ist da noch ein Eiland.

Mancher hat das Gefühl, die Politik erleide einen Kontrollverlust – und das nicht nur unter AfD-Anhängern. Können Sie das nachvollziehen?

Ich teile diese Beunruhigung nicht. Ich stelle mir eher die Frage, was ich als Staatsbürger dazu beitragen kann, dass die Flüchtlinge integriert werden. Ich bin da leider viel zu faul und könnte fleißiger sein.

Haben Sie das Gefühl, dass sich in Ihrem Umfeld Meinungen grundsätzlich verschieben?

Gott sei Dank nicht, weil mein Freundeskreis für AfD-Ideen unempfänglich ist. Andererseits: Wenn das Potenzial so ist, dass jeder vierte die AfD wählen könnte, dann wird es sicher zumindest in meinem entfernteren Bekanntenkreis Leute geben, die ihr Kreuzchen bei der AfD machen. Ich hatte neulich auf einer Abendveranstaltung eine Begegnung mit einer Frau, der ich das überhaupt nicht zugetraut hätte. Die hat deutlich AfD-Positionen vertreten. Das hat mich schockiert, denn sie war durchaus intelligent und gebildet. Sie kam mit Überfremdungsangst und Sätzen wie „Die Deutschen sterben aus“. Ich konnte darauf nur mit einer Mischung aus Gelächter und Verständnislosigkeit reagieren. Das ist aber möglicherweise auch falsch.

Warum?

In den Jahren vor der AfD hat man über die Frage, wie jemand denkt und was er wählt, eher gefrotzelt. Es war einem fast wurscht. Bei der AfD muss man wieder neu argumentieren lernen, weil man da in einer Weise verfestigten Ansichten gegenüber steht, die einen Appell an die Vernunft nicht greifen lassen. Allein die Parole von der „Lügenpresse“! Wie kann ein intelligenter Mensch davon ausgehen, dass alle Presseorgane sich gewissermaßen verbündet haben?

Wann wird Politik zu einem Hindernis für menschliche Nähe?

Interessante Frage. Also, mit jemandem, der ein überzeugter AfD-Anhänger ist und ein zum Teil rassistisches und reaktionäres Weltbild hat, könnte ich nicht befreundet sein.

Sind Sie aufmerksamer geworden?

Nein, da ich politisch immer interessiert war, hat sich da nichts geändert. Allerdings hat sich das Gefühl, als Bürger dieses Landes eine Verantwortung für den Zustand dieses Landes zu haben, deutlich intensiviert. Ich überlege hin und her, wie ich diesem Gefühl der Verantwortung auch Ausdruck verleihen könnte. Ich überlege sogar, in eine Partei einzutreten.

Sie haben das Gefühl, es geht um alles?

Ja, das Gefühl habe ich. Ich fand zum Beispiel den europäischen Gedanken, den der von mir ansonsten wahrlich nicht geschätzte Helmut Kohl vorangetrieben hat, immer großartig. Dass meine geliebten Briten nicht mehr zu Europa gehören wollen, hat mich echt getroffen. Ich habe das Gefühl, ich müsste mich anders engagieren, als ich das noch tue.

Und wenn Sie in eine Partei einträten: Würden Sie für ein Amt kandidieren?

Vielleicht ja.

Und für welches?

Das Amt des Bundespräsidenten wird ja frei. (lacht)

Das ist eine schöne Schlagzeile: „Matthes will Bundespräsident werden.“

Aber wehe, Sie schreiben nicht in Klammern: lacht! Wenn Sie in Klammern „lacht“ schreiben, dürfen Sie es stehen lassen. Sonst nicht!

Im Ernst? Ulrich Matthes als Politiker?

Ich bin ein viel zu neugieriger Mensch, als dass ich Sachen, die ich noch nicht probiert habe, vollkommen ausschließen könnte.

Die politische Krise hat im Wesentlichen drei Beteiligte: die Politik, die Medien und das Volk. Fangen wir mit der Politik an. Macht sie etwas falsch?

Ich habe mir vor Jahren angewöhnt, gegen jede Art von pauschaler Politiker-Schelte sofort mein Stimmchen zu erheben. Äußerungen ansonsten kluger Freunde nach dem Motto „Ja, diese Politikerkaste, die sind doch alle gleich“ machen mich wahnsinnig! Ich kann es nicht leiden, wenn es pauschal heißt, die Politiker seien eh alle verlogen. Dämlich! Die Bundeskanzlerin etwa macht insgesamt einen guten Job. Das sage ich als jemand, der sie nicht gewählt hat. Ich kenne sie ja auch privat ein bisschen und mag sie gerne.

Sie kennen auch Herrn Steinmeier. Reden Sie mit beiden über die Lage?

Kaum. Die sind froh, wenn sie mal über was anderes reden können. Ich habe im Übrigen zumal vor Spitzenpolitikern höchsten Respekt – egal, welcher Partei sie angehören. Ihr Fleiß und die enorme Verantwortung sind riesig. Und darum bringt mich dieses nachgeplapperte stammtischhafte Politikverdrossenheitsgequatsche auf die Palme.

Zweiter Beteiligter: die Medien.

Ich finde die Medienkritik absurd. Wir haben in Deutschland absolute Qualitätsmedien.

Bleibt der dritte Beteiligte: das Volk.

Mein positives Menschenbild und mein Glaube an die Vernunft haben sich angesichts der Anhängerschaft für Leute wie Trump, Putin und Erdogan eingetrübt. Es gibt den schönen Satz: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Wenn sich das die Leute, die die AfD so toll finden, jeden Morgen beim Zähneputzen dreimal aufsagen würden, sähe die Welt schon besser aus. Es täte bei vielen auch Not, mal kurz Abstand zu nehmen von der eigenen Position und anzuzweifeln, was man selbst für unverrückbar hält.

Da gibt es das schöne Bonmot von Heinz Erhardt: „Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken.“

Das ist ja super! Heinz Erhardt for Bundespräsident!

Wie erklären Sie sich den Verlust an Vernunft und zivilisiertem Umgang?

Ich kann das nicht erklären, schon gar nicht erschöpfend. Das ist eine Aufgabe für Sozialwissenschaftler und Psychologen. Aber gewiss hat es auch zu tun mit der Möglichkeit einer anonymen Äußerung im Internet, die – würde sie von Angesicht zu Angesicht gemacht werden – sicher anders ausfallen würde als so hetzerisch und aggressiv, wie es zum Teil der Fall ist. Grundsätzlich sind offenbar viele Leute einer hoch aufgeladenen Irrationalität gegenüber aufgeschlossener als dem etwas komplizierteren Versuch einer Abwägung von Argumenten. Siehe Trump, siehe Pegida.

Haben Sie das Gefühl, dass wir eine Zeitenwende erleben?

Ich merke jedenfalls an mir, dass ich Politik im Moment extrem intensiv wahrnehme, deutlich intensiver als sonst. Und kürzlich – nach Nizza und all den anderen Anschlägen, nach dem Putschversuch in der Türkei und dem Brexit-Votum – dachte ich: Jetzt ist aber mal gut.

Das Gespräch führte Markus Decker.