Restaurantkritik : Ein Hauch Dekadenz im The Grand Berlin

Der Waldorfsalat im The Grand in Berlin-Mitte.

Der Waldorfsalat im The Grand in Berlin-Mitte. 

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The Grand

Berlin -

Umweltbewusstsein und Genuss in Einklang zu bringen, ist schwer. Ein Großteil unserer persönlichen CO2 -Bilanz ist ernährungsbedingt, das kann man nicht leugnen. Auch wenn das zu wenig ist, ich tue halt so viel, wie ich kann. Das bedeutet, dass ich wesentlich weniger Fleisch und möglichst unverpackte und regionale Lebensmittel kaufe.

Manchmal wünschte ich jedoch, ich könnte in einer anderen Zeit leben. Im Berlin der Goldenen Zwanziger etwa, als Klimawandel, Mikroplastik und Feinstaub noch nicht in unserem Vokabular waren.

Natürlich weiß ich, dass die Menschen damals ganz andere Probleme hatten. Ich will auch nur punktuell eine Zeitreise machen, für einen Abend und selbstverständlich nicht ins bettelarme Arbeitermilieu, sondern auf die Seite derer, die sich gerade wegen der heraufziehenden Finsternis in eine unerhörte Dekadenz flüchten konnten.

The Grand in Berlin: Wie das Filmset von „Babylon Berlin“

Womöglich haben die Macher der Berlin Food Week dieses Jahr ähnlich wie ich empfunden. Das wunderbare Food-Festival kreist auch in seinem sechsten Jahr um die Themen Nachhaltigkeit und Regionalität. Was das Stadtmenü angeht, haben die Macher aber diesmal das Motto „The Great Tasty“ ausgerufen – und die rund 60 teilnehmenden Restaurants haben sich von den ausschweifenden Gerichten der Goldenen Zwanziger inspirieren lassen.

Der Küchenchef Thilo Roth vom The Grand hat es besonders ernst genommen. Er hat Austern Rockefeller, einen Waldorfsalat mit Hummer, ein Blanquette von Froschschenkeln sowie ein Rossini-Filet mit Entenleber und Trüffel auf seine Stadtmenü-Karte gesetzt – also eigentlich alles, was man sich verbieten sollte. Sagen Sie jetzt nichts. Genießen Sie – wenn Sie wollen – wie ich einfach einmal einen Abend lang, ohne nachzudenken.

Das The Grand in Berlin-Mitte. Hier werden in der Food Week Austern und Hummer serviert.

Das The Grand in Berlin-Mitte. Hier werden in der Food Week Austern und Hummer serviert. 

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BLZ/Tiedge 

Das The Grand ist der perfekte Ort dafür, diese ehemalige Armenschule mit ihren rohen Backsteinwänden, exaltierten Leuchtern und abgewetzten Teppichen, die wie das Filmset von „Babylon Berlin“ aussieht.

Die Austern Rockefeller waren in den USA längst populär, als sie ihren Weg ins hiesige Adlon fanden. Roth hat sie mit einer buttrigen Spinat-Brunnenkresse-Kruste gratiniert, wie es damals Mode war. Obwohl ich bei Austern eigentlich Puristin bin, schmeckt das großartig. Dazu reicht er Schwarzbrot, das abwechselnd mit Ei und Butter geschichtet ist.

Beim darauffolgenden Waldorfsalat arbeitet er glücklicherweise mit Crème fraîche statt mit Mayonnaise, weshalb der Salat nicht schwer, sondern knackig und frisch schmeckt. Die Säure findet ihren Kontrast in karamellisierten Walnüssen, der sautierte Hummer aus Kanada hat fantastische Röstaromen, weil hier wohl der sündteure Southbend-Grill vom The Grand zum Einsatz kam.

Grüner Spargel zum klassischen Rossini-Filet im The Grand 

Was die Froschschenkel angeht, braucht man keine Angst haben. Sie sind ausgelöst und schmecken als Blanquette zubereitet wie das allerzarteste Hühnerfrikassee. Besonders gelungen ist die Note vom Kerbel und die Präsentation in einem knusprigen Nest aus orientalischem Kadayif-Fadenteig. Dazu gibt es etwas zu salzige Urkarotten, denn Roth spart beim Stadtmenü höchstens bei den Kohlenhydraten.

Damalige Sättigungsbeilagen wie Pommes dauphine lässt er wohltuenderweise einfach weg, sonst würde man heute platzen. Zum klassischen Rossini-Filet, das in Paris groß wurde, bringt er nur delikaten grünen Spargel auf den Teller. Auch die Madeirasauce, oft eine Butterschlacht, ist hier mehr ein reduzierter Fleisch-Wein-Fond, die Gänseleber und der Trüffel auf dem Stück Pommerschen Rinderfilet sorgen ohnehin für genug Geschmacksexplosionen.

Essen ist einer der stärksten menschlichen Triebe, weshalb sich Wissen und Gewissen hin und wieder mal ausschalten. Auch bei einer Diät futtert man schließlich gelegentlich Schokolade.

The Grand, Hirtenstraße 4, Mitte. Täglich ab 12 Uhr geöffnet. Das Stadtmenü kostet 99 Euro.

Die Berlin Food Week läuft vom 21. Oktober bis zum 27. Oktober.