Tollkühner Flieger: Heinz-Dieter Kallbach ist der Teufelskerl der Interflug

Heinz-Dieter Kallbach Pilot Interflug

Heinz-Dieter Kallbach, Pilot, zeigt in seinem Wohnzimmer ein Modell einer IL-62 der ehemaligen DDR-Fluggesellschaft Interflug. 

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Bad Saarow/Stölln -

Es war keine Not-, sondern eine echte Punktlandung. Am 23. Oktober 1989 brachte Pilot Heinz-Dieter Kallbach eine ausrangierte Interflug-Maschine sicher nach Stölln. Der tollkühne Flieger landete damit auch im Guinness-Buch der Rekorde. Mit einer Festveranstaltung wird am 26. Oktober im Otto-Lilienthal-Museum Stölln (Havelland) an die spektakuläre Aktion vor 30 Jahren erinnert.

Wer die 30 Jahre alten Filmaufnahmen betrachtet, hält unwillkürlich den Atem an: Da landet eine mächtige IL-62 der DDR-Fluggesellschaft Interflug auf einer viel zu kurz wirkenden, holperigen Graslandebahn auf dem Segelflugplatz am Gollenberg in Stölln (Havelland). Kann sie rechtzeitig zum Stehen gebracht werden? Erst nachdem die riesige Staubwolke verflogen ist, wird sichtbar: Die Maschine ist heil, den Insassen nichts passiert.

„Hätten wir gebremst, hätten sich Räder und Flugzeug in den Boden gegraben, wir uns vielleicht überschlagen. Wir mussten mit minimaler Geschwindigkeit aufsetzen und deshalb schon in der Luft den Umkehrschub aktivieren“, erzählt Heinz-Dieter Kallbach, der damals hinter dem Steuer saß und mit drei weiteren Besatzungsmitgliedern das Flugzeug sowjetischer Bauart punktgenau landete.

Heinz-Dieter Kallbach ist der dienstälteste Flugkapitän Deutschlands

„Wir brauchten freie Sicht und etwas Gegenwind. Das passte am 23. Oktober“, sagt der tollkühne Pilot von damals, der heute immer noch fliegt, mit mittlerweile 79 Jahren. „Meine Fluglizenz gilt noch bis nächstes Jahr. Dann höre ich auf“, sagt der wohl dienstälteste Flugkapitän Deutschlands, der heute in einer Seniorenresidenz in Bad Saarow (Oder-Spree) lebt. Ausbilder an Flugsimulatoren in Strausberg (Märkisch-Oderland) und Berlin-Schönefeld will er aber bleiben.

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Auf einem Foto ist der Pilot Heinz-Dieter Kallbach neben einem Modell einer IL-62 der ehemaligen DDR-Fluggesellschaft Interflug und einer Postkarte aus Stölln zu sehen.

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Zu DDR-Zeiten konnten sich Kommunen um ausrangierte Interflug-Maschinen bewerben, erinnert sich Kallbach. So tat es auch Stölln, jenes Örtchen im Havelland, von dem aus Flugpionier Otto Lilienthal Ende des 19. Jahrhunderts etliche Flugversuche gestartet hatte. Bei seinem letzten war er dort 1896 abgestützt und gestorben. Um ihn zu ehren, sollte ein Flugzeug als Museum her.

„Vorsitzender des damaligen Otto-Lilienthal-Komitees war der Generaldirektor der Interflug“, erinnert sich Kallbach, der selbst damals Chefpilot der IL-62-Staffel bei der DDR-Fluggesellschaft war. Er wurde mit der Aufgabe betraut. Die Maschine für einen Transport von Berlin-Schönefeld erst auseinander- und in Stölln wieder zusammenzubauen, wurde als zu teuer abgelehnt.

Mit der Aktion gegen sämtliche Luftfahrtvorschriften verstoßen

Also blieb nur der Luftweg. Knackpunkt: Die IL-62 braucht normalerweise eine 2500 Meter lange Betonpiste zum Landen, in Stölln gab es aber nur die 850 Meter Wald-und-Wiesen-Landebahn. Kallbach, früher auch Testpilot für diesen Flugzeugtyp, stellte physikalische Berechnungen an.

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Heinz-Dieter Kallbach, Pilot, zeigt ein schwarz-weiß Foto vom 23. Oktober 1989, das ihn und die damalige Bürgermeisterin von Stölln, Sybille Heling, zeigt. 

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„Das passte zunächst hinten und vorne nicht. Die Maschine war mit 83 Tonnen einfach zu schwer“, sagt er. „Acht Tonnen mussten ausgebaut werden - die hinteren Triebwerke, das Stützfahrwerk mit dem schweren Getriebe, die Ballastbehälter unter dem Cockpit.“ Er habe mit der Aktion gegen sämtliche Luftfahrtvorschriften verstoßen. Es gab viele einmalige Sondergenehmigungen, über die der erfahrene Pilot noch heute staunt.

„Ein mutiger, kluger Typ, aber kein Draufgänger“

Während andere ihn für verrückt erklärten, nahm der in der Lausitz aufgewachsene Sohn einer Arbeiterfamilie die Herausforderung an. Nicht ohne Vorsichtsmaßnahmen: Die Punktlandung am 23. Oktober 1989 war der immerhin dritte Versuch. Zuvor hatte zweimal das Wetter nicht mitgespielt.

„Das hat Kallbach damals schon genial gemacht. Er ist ein mutiger, kluger Typ, aber kein Draufgänger. Er weiß genau, was er tut“, lobt Elmar Giemulla, Experte für Luftverkehrsrecht an der Technischen Universität Berlin. Die Aktion war so spektakulär, dass Kallbach damit im Guinness-Buch der Rekorde landete. „Nach mir hat das ja keiner mehr versucht“, sagt der 79-Jährige.

Potenzieller Selbstmörder würgt Piloten während des Fluges

Kallbachs Erlebnisse als Pilot füllen mittlerweile ein ganzes Buch. Denn die spektakuläre Flugzeug-Landung bei Stölln war längst nicht seine einzige tollkühne Aktion. „Mayday über Saragossa“ sind die Erinnerungen an seine Zeit als Pilot für die Fluggesellschaft Germania. Als er im Jahr 2000 einen vollbesetzten Ferienflieger von Teneriffa nach Berlin zurückfliegen wollte, war ein potenzieller Selbstmörder im Cockpit aufgetaucht. Der würgte den Piloten, um die Boing 737 zum Absturz zu bringen. Trotz minutenlangen Kampfes und mit schweren Verletzungen landete Kallbach die Maschine sicher.

Von sich reden machte der gebürtige Essener auch ein Jahr später, als er einen DC-3-Rosinenbomber von Coventry nach Berlin überführte. Echte Notlandungen hatte Kallbach übrigens nie, abgesehen von zweimal brennenden Triebwerken. Oder einem Motorausfall ganz am Anfang seiner Piloten-Laufbahn, als er mit 18 Jahren bei der Nationalen Volksarmee der DDR gerade das Fliegen erlernte.

Stölln erinnert an spektakuläre Landung vor 30 Jahren

Das 30-jährige Jubiläum seiner Punktlandung wird am 26. Oktober groß gefeiert, an und in der „Lady Agnes“, wie die Stöllner das Flugzeug nach Lilienthals Frau später getauft haben. „Wir freuen uns, die vier damaligen Besatzungsmitglieder als Ehrengäste begrüßen zu können“, sagt Horst Schwenzer, Vorsitzender des Otto-Lilienthal Vereins. Es werde Cockpit-Führungen geben, eine Kunstauktion und einen Festakt.

Schwenzer war damals Augenzeuge der spektakulären Landung, ein unvergessliches Erlebnis, wie er heute sagt. „Wir hatten die Landebahn extra noch einmal gewalzt. Aber sie war zu sandig, ließ sich nicht verdichten“, erklärt er die immense Staubwolke bei der Landung, die inzwischen legendär geworden sei. (Von Jeanette Bederke, dpa)