950 Stellen gestrichen: Warum Philip Morris keine Zigaretten mehr in Berlin produziert

Das Philip-Morris-Werk an der Neuköllnischen Allee stellt die Zigaretten-Produktion ein.

Das Philip-Morris-Werk an der Neuköllnischen Allee stellt die Zigaretten-Produktion ein. 

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Paulus Ponizak

Berlin -

Noch werden im Werk in Neukölln Marlboro und Chesterfields produziert, doch damit wird ab 1. Januar 2020 Schluss sein: Der Tabakkonzern Philip Morris stellt die Produktion von Zigaretten in Berlin ein. 950 Mitarbeiter werden ihre Arbeitsplätze ganz verlieren. 25 Stellen werden nach Dresden und ins bayerische Gräfelfing ausgelagert, nur 75 Mitarbeiter dürfen bleiben.

Sie werden in Zukunft Volumentabak produzieren, ein Zwischenprodukt in der Zigarettenherstellung, mit dem andere Fabriken beliefert werden. Gut 1000 Industrie-Arbeitsplätze fallen kurzfristig weg.

Das trifft nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch Berlin als Wirtschaftsstandort hart. In der Industrie arbeiten in der Hauptstadt nur noch 120.000 Arbeitnehmer. Seit der Wende hat Berlin einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Februar zufolge 70 Prozent seiner Industriejobs verloren.

2017 waren nur noch sechs Prozent der Berliner Beschäftigten in der Industrie tätig. In Gesamtdeutschland sind es 24,2 Prozent. Als Grund sehen die Forscher auch, dass Senat und Bund die Industrie zu wenig gefördert haben. 

Philip Morris nennt als Grund eine "Änderung des Konsumverhaltens"

Im Fall von Philip Morris hat der plötzliche Personalabbau aber vor allem einen Grund: Es wird einfach nicht mehr genug klassische Zigarette geraucht, so der Konzern. Auch Philip Morris setze deswegen auf die Entwicklung und Produktion von rauchfreien Alternativen, wie zum Beispiel sogenannten Heets, bei denen Tabak nur noch erhitzt, aber nicht mehr verbrannt wird. 

„Die Veränderung des Konsumentenverhaltens erfordert eine deutliche Reduzierung der Produktionskapazitäten“, teilte Mark Johnson-Hill, Vice President EU Manufacturing, mit.

Philip Morris habe großen Respekt vor den Leistungen der Mitarbeiter, sagte der Berliner Werksleiter Sivain Pastoris. Und: „Wir setzen uns voll und ganz für einen sehr kooperativen und vertrauensvollen Prozess ein.“ Man wolle für die 950 betroffenen Mitarbeiter „faire und sozialverträgliche Lösungen“ vereinbaren. Ab nächster Woche sollen dazu Gespräche mit dem Betriebsrat stattfinden. 

Mitarbeiter tief enttäuscht, Kritik von Gewerkschaftern

Die Mitarbeiter des Werks wurden erst am Dienstagmorgen auf einer Betriebsversammlung davon unterrichtet, dass die allermeisten von ihnen ihre Jobs verlieren. „Es kam für uns alle aus heiterem Himmel. Ich gehe jetzt nach Hause und muss das erst mal verarbeiten“, sagte ein Mitarbeiter, der anonym bleiben will, der Berliner Zeitung. 

Tief enttäuscht zeigt er sich auch vom Umgang des Unternehmens mit seinen Angestellten: Bei der Betriebsversammlung sei ein großes Aufgebot an Security-Kräften anwesend gewesen. Offenbar habe man Angst vor Ausschreitungen gehabt, vermutet der Mann. „Wir haben uns gefühlt, als wären wir Schwerverbrecher. Traurig, wie mit langjährigen Mitarbeitern umgegangen wird“, sagte er.

Nach seinen Angaben habe der Schweizer Vorstand des Unternehmens den Betriebsrat erst am Montagabend bei einem geheimen Treffen in einem Hotel von der Schließung des Unternehmens unterrichtet.

Viele andere Mitarbeiter wollen an diesem Tag nicht mit Journalisten reden. Sie verweisen auf strikte Vertragsauflagen: „Bitte haben Sie Verständnis. Wir dürfen dazu nichts sagen.“ Bis Montag soll das Werk vorerst geschlossen bleiben.

Gewerkschafter sprachen von einem unverantwortlichen Schritt. Das Berliner Werk arbeite hochprofitabel, hieß es von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

CDU: Industriepolitische Katastrophe für Berlin

Die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sagte der Berliner Zeitung am Dienstag, dass die geplanten Kündigungen bei Philip Morris bedauerlich seien. 

Wenn sich Unternehmen von Kernprodukten verabschiedeten und sich auf neue Produkte konzentrierten, bliebe das nicht ohne Folgen. Nun gehe es zu aller erst um die betroffenen Mitarbeiter. „Das Unternehmen steht hier in besonderer Verantwortung. Ich erwarte, dass Philip Morris gemeinsam mit den Beschäftigten nach zukunfts-festen Lösungen sucht“, so Pop.

Christian Gräff, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, ist das zu wenig. „Industriepolitisch ist diese Entscheidung eine Katastrophe für Berlin“, sagte er der Berliner Zeitung. „Das muss Berlin erst mal kompensieren.“

Gräff wirft dem Senat vor, sich nicht bemüht zu haben, die Produktion der neuen Heets nach Berlin geholt zu haben. „Philip Morris konzentriert sich ja auf neue Produkte. Da müsste sich Senat eigentlich direkt ins Auto setzen“, so Gräff. „Wenn wir Zukunftsbranchen auch in der Industrieproduktion nach Berlin holen wollen, dann müssen wir darauf hinarbeiten und fördern.“

Für kaum möglich hält diese Form der Einflussnahme der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD, Frank Jahnke. Immer wieder – zuletzt im Fall Siemens und der Gasturbinen-Produktion – zeige sich, dass die Politik kaum Einfluss auf die Entscheidungen der Konzerne habe.

Der Philip-Morris-Konzern will die Produktion der Zigarettenmarken Marlboro und Chesterfield einstellen.

Der Philip-Morris-Konzern will die Produktion der Zigarettenmarken Marlboro und Chesterfield einstellen. 

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Paulus Ponizak

Am Ende fielen die Entscheidungen aufgrund von Absatzzahlen in „irgendeiner Konzern-Zentrale“, so Jahnke. „Das ist bei Philip Morris nicht anders.“ Das Unternehmen sei nun in der Pflicht, bei dem kurzfristigen Abbau für faire Bedingungen zu sorgen.

Produktion in Neukölln seit 1972

Die Berliner Produktionsstätte Philip Morris Manufacturing GmbH an der Neuköllnischen Allee existiert seit 1972. Hier werden die Zigaretten-Marken Marlboro, Chesterfield und L&M hergestellt. In Deutschland geht der Absatz an Zigaretten schon seit Jahren zurück.

Laut Statistischem Bundesamt sank die Anzahl der Raucher in Deutschland von 22,2 Millionen im Jahr 2000 auf 18,9 Millionen im Jahr 2015; bis 2025 soll die Zahl auf 16,2 Millionen fallen.