2. Juni 1967: Der Tag, an dem Benno Ohnesorg in Berlin starb

2. juni 1967: Friederike Dollinger beugt sich über den tödlich getroffenen Benno Ohnesorg.

Tatort Krumme Straße am 2. Juni 1967: Friederike Dollinger beugt sich über den tödlich getroffenen Studenten Benno Ohnesorg.

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dpa

Berlin -

Hier fiel der Schuss. Auf den ersten Blick hat sich wenig verändert am Tatort. Der Innenhof dient noch immer als Parkplatz. Er ist zur Straße hin offen, sein vorderer Teil wird von einem Wohngebäude auf Betonpfeilern überdacht. An den Fassaden hinten und rechts im Hof wuchern Büsche. Ein Schild an einem Pfeiler warnt: Dieser Bereich wird videoüberwacht! Vor 50 Jahren hätte so eine Überwachung die Ermittlungen erleichtert: Widersprüche geklärt, Zweifel ausgeräumt, vielleicht die Geschichte verändert.

Hier also fiel Benno Ohnesorg. Der Parkplatz nahm damals nicht den ganzen Hof ein. Hinten grünte Rasen. Die Büsche waren so niedrig, dass die Mieter im Erdgeschoss den Hof überblicken konnten. 

Der Tod von Benno Ohnesorg veränderte Deutschland

Am Abend des 2. Juni 1967 lag Ohnesorg auf diesem Hof an der Krummen Straße in Charlottenburg, eine Kugel im Kopf, abgefeuert vom Polizisten Karl-Heinz Kurras. Zuvor hatte der 26-jährige Student vor der Deutschen Oper, die um die Ecke liegt, gegen den Besuch des Schahs in West-Berlin demonstriert. Sein Tod veränderte die Bonner Republik.

War Ohnesorgs Tod die Folge unglücklicher Umstände oder das Resultat eines ausgeklügelten Plans? War Kurras’ Schuss fahrlässige Tötung, Totschlag, Mord? Eine Rekonstruktion der folgenschweren Ereignisse mit Hilfe von Wort-, Bild- und Filmdokumenten sowie Zeitzeugen.

West-Berlin ist am 2. Juni 1967 im Ausnahmezustand

West-Berlin, 2. Juni 1967, Flughafen Tempelhof, 11 Uhr. Kaiserwetter, aber der Kaiser lässt auf sich warten. Der Regierende Bürgermeister, eine Hundertschaft der Schutzpolizei und Hunderte Schaulustige müssen sich gedulden. Die Sondermaschine „Nürnberg“, eine Boeing 727 der Pan Am, verspätet sich.

So strahlend blau der Himmel, so bewölkt die Gedanken derer, die für die Sicherheit des Kaisers von Persien verantwortlich sind. Schah Mohammad Reza Pahlavi und seine Gattin Farah Diba besuchen auf Einladung des Bundespräsidenten Deutschland. Berlin ist die achte von zehn Etappen. Es gilt Sicherheitsstufe I.

Im Juni 1967 besucht der der Schah von Persien Deutschland

Schah Mohammad Reza Pahlavi und seine Gattin Farah Diba besuchen im Juni 1967 einen Tag und eine Nacht lang West-Berlin. Die Folgen sind fatal. 

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11.10 Uhr: Der Schah von Persien landet in Berlin

In West-Berlin sind 5000 Polizisten im Einsatz, darunter 88 Kriminalbeamte der Abteilung I, der Politischen Polizei. Als Polizisten sind die Einser nicht zu erkennen. Sie tragen Sommeranzüge. Und darunter ihre Dienstwaffe, eine Walther PPK, Kaliber 7,65.

11.10 Uhr. Die Boeing, aus München kommend, landet. Es folgen: Begrüßung des Kaisers durch Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD), Abspielen der Nationalhymnen, Abschreiten der Ehrenbereitschaft, Austausch von Höflichkeiten, Fahrt ins Hotel, der Schah in einem Mercedes 600, seine Gattin in einem zweiten.

Bundesweit sichern 30.000 Polizisten den Schah. Dazu kommen Feuerwehrleute und Sanitäter, Hubschrauber- und Ärzteteams, die im Fall eines Attentats bereitstehen. Alle Strecken, die der hohe Besuch nutzt, sind weiträumig gesichert: Straßen und Kreuzungen, Brücken, Bahnübergänge und Lufträume. Die Behörden kontrollieren und observieren Hunderte Personen. Es ist ein totaler Staatsbesuch.

Der Schah polarisiert

Schahfreundliche Demonstranten am 2.Juni 1967 in Berlin

Schahfreundliche Demonstranten – sie werden von der Polizei unterstützt. 

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Für die westlichen Regierungen ist der Schah ein unverzichtbarer Bündnispartner. Sie begrenzen mit ihm den kommunistischen Einfluss im Nahen Osten und machen lukrative Ölgeschäfte. Daher unterstützen CIA und MI6, die Auslandsgeheimdienste der USA und Großbritanniens, den Schah beim Sturz des rücktrittsunwilligen Premierministers Mohammad Mossadegh 1953.

Der Großteil der westdeutschen Öffentlichkeit sieht in dem Mann auf dem Pfauenthron einen märchenhaften Kaiser, der „eine Lücke im deutschen Bürgersinn schließen hilft“, wie Roman Brodmann in seiner 1967 gedrehten Dokumentation „Der Polizeistaatsbesuch“ spöttelt. Andere halten den Schah für einen willigen Statthalter der USA sowie für einen folternden und mordenden Diktator. 

„Als wäre er unser bester Freund“

Bernhard Wilhelmer war am 2. Juni 1967 Student

Bernhard Wilhelmer (72) erlebte den Schahbesuch als Student. 

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Sabeth Stickforth

Bernhard Wilhelmer gehörte zu den anderen. Damals studierte er an der Freien Universität (FU) Berlin und war zweiter Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA). Der 72-Jährige, er ist Professor der Psychologie, sitzt an einem Konferenztisch in der Redaktion der Berliner Zeitung. „Es ging uns weniger um die USA und ihren Vietnamkrieg und ihre Unterstützung des Schahregimes. Wir waren der Meinung, dass eine Stadt wie Berlin einem derartigen Diktator keinen so wahnsinnigen Empfang bereiten sollte, als wäre er unser bester Freund.“

Der Empfang bereitet den Gastgebern Kopfzerbrechen. Dazu gehört eine Veranstaltung an der FU am 1. Juni, organisiert vom AStA und der „Freunde der Publizistik“, eine akademische Vereinigung, der auch Wilhelmer angehört. Der Exil-Iraner Bahman Nirumand spricht im Auditorium maximum über sein neues Buch „Persien. Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt“.

Nirumand, promovierter Germanist, ist im Vorstand der Konföderation Iranischer Studenten/Nationale Union (CIS/NU), die er mitbegründet und die sich zu einem Dachverband der Auslandsopposition entwickelt hat. Die Botschaft des Irans hatte die Bundesregierung aufgefordert, das Buch zu verbieten. Vergeblich. Sie drohte, den Besuch abzusagen, sollte Nirumand auftreten; der Senat drängte daraufhin den Rektor der FU und den AStA, die Veranstaltung abzusagen. Auch vergeblich.

Schah-kritische Veranstaltung an der FU Berlin

Das Audimax ist bis auf den letzten Sitz-, Hock- und Stehplatz besetzt, als Nirumand spricht. Er schimpft auf den Schah und die Militärtribunale, die Geständnisse durch Folter erzwingen und Todesurteile fällen, auf den Imperialismus und die Ölkonzerne und fordert Solidarität mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt.

Am Rednerpult kleben zwei Flugblätter mit dem Gesicht des Schahs. Über dem Foto steht „MORD“, darunter „Gesucht wird …“. Der Steckbrief ist eine Idee der Kommune I, die mit realsatirisch-provokanten Aktionen von sich reden macht. Am Ende des Blatts heißt es: „Wir bitten die Bevölkerung, alle Aktionen, die zur Unschädlichmachung des Täters führen, tatkräftig zu unterstützen.“ Spaßguerilla. Aber wo endet der Spaß, wo beginnt die Guerilla, der Kleinkrieg?

Rudi Dutschke bei einem Sit-in an der FU Berlin im April 1967

Ein Sit-in an der FU Berlin im April 1967. Der Mann am Mikrofon ist Rudi Dutschke.

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bpk / Kunstbibliothek, SMB / Bernard Larsson

„Autonomie für die Teheraner Universität!“

Benno Ohnesorg ist im Audimax zugegen. Mit Gewalt will er, den Weggefährten als feinsinnig, sanft und zurückhaltend beschreiben, nichts zu tun haben. Der Student der Romanistik und Germanistik, der Gymnasiallehrer werden will, ist Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde.

Als politisch Interessierter hat er Nirumands Buch gelesen; politisch aktiv ist er so gut wie nicht. Er entscheidet sich, an den Protesten gegen den Schah teilzunehmen. Mit seiner Frau Christa fertigt er ein Spruchband an: „Autonomie für die Teheraner Universität!“ Die beiden sind seit fünf Wochen verheiratet, sie erwarten im November ein Baby.

„Die Veranstaltung machte Eindruck, sie brachte am nächsten Tag mehr Studenten auf die Straße“, sagt Bernhard Wilhelmer. „Die Oper war der Ort, wo wir unseren Protest am lautesten vortragen wollten. Ich hatte die Demonstration angemeldet und war erstaunt gewesen, dass sie nicht verboten wurde.“ Er macht eine kurze Pause, sagt dann leise, mehr zu sich selbst: „Vielleicht sollten wir in eine Falle laufen.“

2. Juni 1967: Eine verletzte Demonstrantin umringt von Polizisten

Gewalt vor der Deutschen Oper am 2. Juni 1967: Polizisten kümmern sich um eine Demonstrantin, die am Kopf verletzt worden ist. 

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11.30 Uhr: Der Schah ist auf dem Weg ins Hotel

11.30 Uhr. Der Schah ist auf dem Weg ins Hilton an der Budapester Straße (heute: Intercontinental). Ein US-Hubschrauber rotiert über der Spitze der Fahrzeugkolonne. Die Gäste, 60 Personen, sollten im Kempinski am Kurfürstendamm residieren. Die Sicherheitsbehörden rieten davon ab, weil in jüngster Zeit immer wieder mal junge Leute auf dem Kudamm demonstrieren.

Was die Leute auf die Straße treibt: die geplanten Verfassungsänderungen, die den Regierenden für den Fall eines Notstands mehr Macht zukommen lassen – sie wecken böse Erinnerungen an die Unterhöhlung der Weimarer Republik und Machtebnung der Nazis; der antiegalitär-autoritäre Gesellschaftsaufbau; das spießige Gebaren der Eltern; das beharrliche Schweigen über die Nazizeit; die vorbehaltlose Unterstützung der USA; dazu hochschulinterne Konflikte wie Zulassungsbeschränkungen, Begrenzung der Studiendauer, Gestaltung der Lehrveranstaltungen.

2. Juni 1967: Ein verletzter Polizist

2. Juni 1967: Nach Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten vor der Deutschen Oper in der Bismarckstraße wird ein verletzter Polizist zu einem Krankenwagen gebracht.

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Die Polizei sieht sich konfrontiert mit neuen Formen des Protests: Sit- und Teach-ins, Eierwürfe gegen das Amerika-Haus im Februar 1966, Aufruf von Rudi Dutschke vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) zur „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) im Dezember 1966, „Pudding-Attentat“ der Kommune I gegen den US-Vizepräsidenten im April 1967.

Paramilitärische Polizei

Im West-Berlin jener Jahre erfüllt die Bereitschaftspolizei auch paramilitärische Aufgaben. Sie gilt als Reserve der alliierten Truppen, ausgerichtet auf die Abwehr kommunistischer Gefahren. Ende Dezember 1966 verschärft sie ihr Vorgehen. Bei der „Spaziergangs-Demonstration“ auf dem Kudamm setzt sie erstmals „Greiftrupps“ ein: Beamte in Zivil greifen sich „Rädelsführer“ und „Füchse“, Demonstranten, die mit Trillerpfeife Sprechchöre dirigieren. Der Einsatz eskaliert zu einer Prügelei, auch gegen Passanten.

Ebenfalls Ende 1966 gibt es neue Bestimmungen über den Schusswaffengebrauch, erlassen nach Zwischenfällen mit DDR-Grenzern an der Mauer: Die Beamten sind geradezu verpflichtet, in Notwehrsituationen die Waffe zu ziehen. Bernhard Wilhelmer, der frühere Studentenvertreter, hat zum Gespräch etwas mitgebracht. Da ist zum einen eine Spiegel-Ausgabe vom 5. Juni 1967 mit der Titelgeschichte „Die aufsässigen Studenten von Berlin“. Das Titelfoto zeigt ihn mit Dutschke bei einem Sit-in im April 1967 in der FU.

Rechts-orientierte Presse machte Stimmung gegen Studenten

Und dann hat er noch ein Buch über die Studentenbewegung dabei, das 1977 erschien und in dem er sagt: „Die relativ frühe Entwicklung der Studentenbewegung in West-Berlin resultierte aus den besonderen ökonomischen und politischen Bedingungen in dieser Stadt.“ Als da waren: „eine labile soziale Situation“ durch Betriebsverlagerungen in den Westen und „die spezielle politische Brisanz als ,Frontstadt’“, als „Brückenkopf des freien Westens“.

Berlin-Blockade, Mauerbau und eine politisch rechts orientierte Presse, die Studenten für Krawallmacher und Kriminelle hält, kurz: für Kommunisten, schüren Ängste. „Mein Vater fürchtete permanent, dass ,die Russen’ wieder alles dichtmachen; und er war damit nicht allein“, sagt Wilhelmer. „Wir hörten oft: ,Geht doch rüber!’ Keiner von uns wollte rüber, in die DDR.“

Eine Lizenz zum Draufhauen

West-Berlins Polizeipräsident Erich Duensing (SPD) schreibt in einem Brief an Innensenator Wolfgang Büsch (SPD) am 13. April 1967 von einem „Studentenkrieg“, der nur mit Staatsanwälten und Gerichten zu bewältigen sei. Büsch dagegen spricht sich in seiner Antwort am 8. Mai für mehr Polizei aus. Und: Die Beamten müssten „stets die Gewissheit haben, dass ihre Vorgesetzten auch dann für sie eintreten, wenn sich bei der nachträglichen taktischen und rechtlichen Prüfung Fehler herausstellen sollten“. Eine Lizenz zum Durchgreifen und Draufhauen.

2. Juni 1967: Anti-Schah-Demonstranten in der Bismarckstraße

2. Juni 1967: Mit Plakaten und Spruchbändern, mit Papiertüten, auf denen Karikaturen prangen, und mit Steckbriefen demonstrieren Studenten vor der Oper. In der Menge sind auch Schaulustige.

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12 Uhr am Rathaus Schöneberg

12 Uhr, Rathaus Schöneberg. Hanns-Peter Herz, Pressesprecher des Senats, wartet mit Journalisten auf der Rathaustreppe auf den Schah. Vor ihm, auf dem John-F.-Kennedy Platz, hinter „Hamburger Reitern“, Barrieren aus Metall, drängen sich bis zu 3000 Demonstranten und Schaulustige. Einige haben sich Papiertüten mit Karikaturen des Schahs und seiner Gattin über den Kopf gestülpt. Herz ist gereizt. Wie er sich denn so fühle, fragt jemand. „Na, heute können diese Burschen sich auf was gefasst machen, heute gibt’s Dresche!“ Überliefert ist auch der Satz: „Heute Abend setzt’s Keile!“ Er wird bestreiten, so etwas gesagt zu haben.

Prügel-Perser warten schon

Auf einem abgesperrten Teil am Rathaus stehen Gegendemonstranten: ein paar Dutzend Vertreter der „Iranischen Kolonie“ in Berlin, ausgewählt von der kaiserlich-iranischen Delegation. Der Polizeipräsident hat den „Jubelpersern“, wie sie später genannt werden, diesen Platz freigehalten.

Plakate und Spruchbänder tanzen: „Schluss mit den Folterungen politischer Gefangener!“ – „Es lebe die deutsch-iranische Freundschaft!“ Sprechchöre hallen: „Mörder, Mörder!“ – „Hoch lebe der Schah!“

2. Juni 1967: Am Rathaus Schöneberg schlagen sogenannte Prügel-Perser auf Studenten ein.

Im Rathaus Schöneberg wird der Schah empfangen, vor dem Rathaus prügeln Schahanhänger, sogenannte Prügel-Perser, auf Schahgegner ein. 

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Max Scheler/SZ Photo/laif

12.18 Uhr. Der Schah fährt vor. An der Seite von Bürgermeister Albertz schreitet er die Rathaustreppe hoch. Sie haben kaum das Rathaus betreten, da sind Barrieren, die Demonstranten und Gegendemonstranten trennen, plötzlich geöffnet. Mehrere Anzug tragende Männer aus der schah-freundlichen Gruppe sind ebenso plötzlich bewaffnet, mit Holzlatten, an denen eben noch Plakate hingen, und mit Totschlägern.

Wurden die Prügel-Perser vom 2. Juni 1967 extra eingeflogen?

Die Männer schlagen mit weit ausholenden Bewegungen zu, einhändig und beidhändig, von rechts und von links, als sensten sie Grashalme, und von oben, als hämmerten sie Ambosse. Benno Ohnesorg sieht, wie der Protest eskaliert. Mit anderen Demonstranten setzt er sich auf Straßenbahnschienen. Passiver Widerstand.

Die Polizei bequemt sich nach drei, vier Minuten einzuschreiten. Beamte, auch zu Pferde, gehen aber nicht gegen „Prügelperser“ vor, sondern gegen Demonstranten. Die Perser wiederum nehmen Demonstranten fest und führen sie der Polizei zu. Das Getöse dringt bis ins Amtszimmer des Bürgermeisters, wo sich der Schah ins Goldene Buch der Stadt einträgt. Albertz ist irritiert.

2. Juni 1967: Heinrich Albertz war damals Bürgermeister von Berlin

Berlins Regierender Bürgermeister Heinrich Albertz tritt im September 1967 zurück.  

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„Ich habe bis heute nicht klären können“, schreibt Albertz in seinen Erinnerungen, „wer die Mitverantwortung für diese Gewalttaten trug. Natürlich SAVAK. Aber die musste Sonderflugzeuge gebucht haben. Wusste das AA (Auswärtiges Amt, Anm. d. Red.) davon? Der Bundesnachrichtendienst?“ SAVAK – das ist die persische Geheimpolizei. Wurden tatsächlich Schläger eingeflogen? Beweise gibt es nicht. Außer Frage steht, dass auch Geheimdienstler vor dem Rathaus zuschlugen. Die Ermittlungen dazu wurden eingestellt.

Kampf an mehreren Fronten

Bernhard Wilhelmer, der Studentenvertreter, sieht, wie die „Prügelperser“ zulangen; er bleibt unverletzt, weil er weiter hinten steht. Hatte er mit Gewalt gerechnet? Wilhelmer neigt seinen Kopf, als belaste ihn die Erinnerung, und stützt ihn auf seine Hand. „Nein.“ Er atmet tief durch. „Es war von uns aus eine ganz friedliche Geschichte.“ Und plötzlich hätten sich „mehrere Fronten“ aufgetan: der unangemessene Schah-Besuch, die prügelnden Perser, „auf die wir einfach nicht vorbereitet waren“, und die Polizei, „die keinen Finger krümmte, um uns zu schützen. Das war ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte“.

Der später eingesetzte parlamentarische Untersuchungsausschuss wird das Verhalten der Polizei am Rathaus scharf kritisieren. Das Kommando der Schutzpolizei wird die Kritik für „berechtigt“ halten und zugleich abschwächen: „Die Vorfälle wurden jedoch im Hinblick auf die weiteren Ereignisse des Tags über Gebühr ,hochgespielt’“. Diese Stellungnahme befindet sich im Archiv der Polizeihistorischen Sammlung Berlin am Platz der Luftbrücke.

Wie ein Polizist den 2. Juni 1967 erlebte

Hartmut Moldenhauer, Leitender Polizeidirektor a.D., sitzt im fensterlosen Lesesaal der Sammlung, für die er ehrenamtlich arbeitet. Im Ausstellungsraum nebenan steht die Tafel „Die Studentenunruhen 1967“. Die Polizei und die Studenten in den Sechzigern – ein schwieriges Verhältnis. „Die Polizei unterschied sich im Wesentlichen nicht von der Bevölkerung, sie hatte von den Studenten ein negatives Bild“, gibt der 74-jährige Moldenhauer zu, der am 2. Juni 67 im Einsatz war. „Die Polizei war nicht zimperlich. Das hatte auch damit zu tun, dass viele dachten: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – und gehört hinter die Mauer!“ Dieses Denken, von der Presse des Springer-Verlags maßgeblich beeinflusst, teilte Moldenhauer nicht. Das lag auch daran, dass er „von drüben“ kam, ein Jahr vor dem Mauerbau.

2. Juni 1967: Hartmut Moldenhauer war als Polizeikommissaranwärter im Dienst

Hartmut Moldenhauer (74) war am 2. Juni 1967 als Polizeikommissaranwärter im Dienst. 

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Paulus Ponizak

Vom Morgen bis zum Mittag des 2. Juni schiebt Polizeikommissaranwärter Moldenhauer Dienst an der S-Bahnbrücke zwischen Savignyplatz und Charlottenburg. Nachmittags wird er an die Deutsche Oper verlegt, „als letzter Sicherheitskordon vor dem Haupteingang“. Anfangs sei es „ein ganz normaler Einsatz“ gewesen, sagt Moldenhauer, „ein Routineeinsatz“ trotz höchster Sicherheitsstufe und der Befürchtung, „dass mit einem Attentat zu rechnen ist“.

Dokumente im Archiv geben Auskunft über diese Befürchtung. Es liegt im früheren Luftschutzkeller unter dem Flughafen Tempelhof. Breite Treppen führen hinunter. Es geht durch eine Stahltür und gleich dahinter durch eine zweite. Ein langer Gang tut sich auf, links eine Mauer, rechts eine Stahltür neben der anderen, durchnummeriert: 1, 2, 3... Alles ist grau, die Wände, der Boden, die Decke, die Türen, selbst der Geruch.

Elf Ordner voller Akten zum 2. Juni 1967

Vor Schutzkeller 5 bleibt Moldenhauer stehen. Er entriegelt die Tür, zieht sie auf und gibt – Vorsicht, Stufe! – den Blick frei auf Regale, Regale, Regale, in der Mitte des Raums, an der Wand links, an der Wand rechts. Ein Durchlass führt in den Keller 6. Dort stehen die Akten zum 2. Juni 1967: neun dicke und zwei schmale Ordner, von „Staatsbesuch Schah von Persien“ bis „Unterlagen für den Untersuchungsausschuß“.

Aus den Akten geht hervor: Im März 1967 hatte das Bundeskriminalamt (BKA) einen „Meldekopf“ eingerichtet, der „Erkenntnisse über mögliche Störaktionen sammelte und an alle beteiligten Stellen weiterleitete“. Am 30. Mai kam die Warnung: „10 bis 20 mit Gewehren, Pistolen und Messern bewaffnete Iraner sollen sich zu einem Attentat vor der Oper verabredete haben.“ Woher kam die Warnung? War sie echt, war sie falsch?

Der Schah auf Stadtrundfahrt

14.32 Uhr. Der Schah begibt vom Rathaus Schöneberg aus auf Stadtrundfahrt. Er hat noch ein strammes Programm vor sich: 16 Uhr, Teetrinken im Schloss Bellevue; 19 Uhr, Empfang im Schloss Charlottenburg; 20 Uhr, Besuch der Deutschen Oper. Deutsche Oper, Bismarckstraße. Ein Bauzaun steht an der Straßenseite, die dem Opernhaus gegenüber liegt; er zieht sich von der Krummen Straße bis zur Sesenheimer Straße. Die Sperrgitter sind so positioniert, dass sich ein hundert Meter langer und sechs Meter tiefer Schlauch ergibt.

18.45 Uhr. Erste Demonstranten finden sich ein, auch Schaulustige, unter ihnen Rentner, vereinzelt Kinder. Hinter ihnen, auf dem Baugrundstück, patrouillieren seit fast zwei Stunden Polizisten mit Hunden und seit fünfzehn Minuten auch Greiftrupps.

Sieben Greiftrupps mit je sechs Beamten sind im Einsatz. Ein Greifer ist Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras (39), seit zwei Jahren Angehöriger der Politischen Polizei – und, wie sich 2009 herausstellen wird, seit 1955 Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR.

2. Juni 1967: Karl-Heinz Kurras erschoss Benno Ohnesorg, hier bei seinem Prozess

Der Polizist Karl-Heinz Kurras, der Todesschütze, wird 1967 und 1970 freigesprochen.

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Der Student Bernhard Wilhelmer parkt seine Ente in der Nähe der Oper, geht zur Bismarckstraße und stellt sich vor den Bauzaun. Benno und Christa Ohnesorg finden sich hier ebenfalls ein, die Kommunarden Fritz Teufel und Rainer Langhans, auch der Student Jan-Carl Raspe – er wird die Terrorbewegung Rote Armee Fraktion (RAF) mitbegründen.

Demonstranten und Polizisten vor der Deutschen Oper

Polizisten kontrollieren an der Kreuzung Kantstraße/Kaiser-Friedrich-Straße ein Auto, an dem Schah-Steckbriefe kleben. In dem Wagen finden sie „8 Plakate, 3 handgefertigte Knallkörper, 4 Zündschnüre, 4 mit Farbstoff gefüllte Eier“. Sie nehmen sechs Personen fest.

Die Einheit von Polizeikommissaranwärter Hartmut Moldenhauer, 22 Mann, steht direkt vor der Oper. „Natürlich hatten wir mitbekommen, was sich am Rathaus Schöneberg abgespielt hatte“, sagt er. „Wir waren daher ein bisschen angespannt.“

Die Stimmung auf der anderen Straßenseite, wo nach Schätzung der Polizei bis zu 3000 Menschen stehen, ist gelöst. Man scherzt, man lacht. 19.20 Uhr. Ein paar Dutzend schahfreundliche Demonstranten treffen ein, in einem Sonderbus, als Presse getarnt.

Eier und Tomaten fliegen, auch Steine

Sprechchöre. Gegensprechchöre. Die Stimmung kippt. Polizisten holen Demonstranten vom Bauzaun, von Laternen und Bäumen, zerren einige aus der Menge, schlagen sie, treten sie, führen sie ab. Sprechchöre: „Notstandsübung!, Notstandsübung!“ Farbbeutel und -eier fliegen, Mehl-, Sand- und Milchtüten, Tomaten und Rauchkerzen, Dichtungsringe aus Hartgummi und vereinzelt Steine.

„Wir waren total perplex, als die ,Jubelperser’ auch an der Oper auftauchten“, sagt Moldenhauer. „Wir waren in keinster Weise darauf vorbereitet.“ Auch nicht auf Steine. „Ein Kollege wurde am Kopf getroffen, er lief laut schreiend in gebückter Haltung über die Fahrbahn. Das hat die Stimmung weiter aufgeheizt.“

19.40 Uhr. Der Einsatzleiter und der Inspektionsleiter empfehlen, den Gehweg gegenüber der Oper räumen zu lassen. 19.50 Uhr. Der Polizeipräsident befiehlt, den Gehweg nach Beginn der Vorstellung zu räumen. Ein Polizist hilft der schwangeren Christa Ohnesorg aus dem Schlauch, „in vollkommener Ruhe und Höflichkeit“, wie sich ein Freund, der sie begleitete, erinnert. 19.55 Uhr. Das Kaiserpaar fährt vor und betritt rasch die Oper.

Pfiffe. Buh-Rufe. Sprechchöre: „Schah, Schah, Scharlatan!, Freiheit für Persien!“ Bürgermeister Albertz raunt einem Polizisten zu: „Ich hoffe, dass sich dieses Schauspiel nicht wiederholt.“

Polizisten ziehen Gummiknüppel

Diese Bemerkung wird sich Albertz nicht verzeihen. „Vielleicht hat dieser Satz alles weitere ausgelöst“, schreibt er in seinen Erinnerungen. Die Entscheidung, den Gehweg zu räumen, war schon zuvor gefallen. Und er durfte der Polizei ohnehin keine unmittelbaren Anweisungen geben.

19.57 Uhr. Die Pforten der Oper schließen sich.  Es scheint vorbei zu sein. Es fängt erst an. 20.07 Uhr. In der Oper erklingen die ersten Takte der „Zauberflöte“, vor dem Haus, auf der Straße, am Mittelstreifen, formieren sich Polizisten. Und ziehen Gummiknüppel.

Zwei Minuten zuvor hat ein Lautsprecher die Demonstranten aufgefordert, den Gehweg in Richtung Ernst-Reuter-Platz oder Wilmersdorfer Straße zu räumen. Das ist leichter gefordert als getan: Wer mitten im Schlauch steht, kann erst mal nirgendwo hin. Die Durchsage haben auch nicht alle gehört. Es soll zuvor noch eine Durchsage gegeben haben: Ein Polizist sei von einem Demonstranten erstochen worden.

Ein total verunglückter Einsatz

Bernhard Wilhelmer hat nur die Räumungsdurchsage gehört, später von dem angeblich erstochenen Polizisten „durch Mundpropaganda“ erfahren. Hartmut Moldenhauer kann sich an gar keine Durchsage erinnern. Der Begleittext auf der vom Senat 2008 aufgestellten Gedenktafel vor dem Hof an der Krummen Straße ist so formuliert, dass die Durchsage vom Tod eines Polizisten erfolgte, bevor die Demonstranten in die Krumme Straße flohen.

Uwe Soukup, Autor zweier Bücher zum 2. Juni 67, ist sich sicher, dass diese Durchsage „unmittelbar vor dem Angriff der Polizei“ erfolgte. Sie sei „der eigentliche Schlüssel zum Verständnis des Verhaltens eines Großteils der Berliner Polizei“ an jenem Abend. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss wird die Durchsage auf die Zeit nach 21 Uhr auf den Kudamm verlegen.

„Mörder, Mörder!, SA! SA!“

Wer setzte das Gerücht in die Welt? Und warum? Um die Lage eskalieren zu lassen? Zu welchem Zweck? Um die Regierung unter Albertz zu diskreditieren? Zu stürzen? Das Kommando der Schutzpolizei wird angeben, das Gerücht sei „von Pressevertretern und DRK-Helfern“ verbreitet worden. Warum wurde die Durchsage auch dann noch wiederholt, als längst hätte klar sein müssen, dass sie nicht stimmte?

20.07 Uhr also. Polizisten klettern über die Gitter, rennen zur Mitte des Schlauchs. Demonstranten rufen sich gegenseitig zum passiven Widerstand auf: „Hinsetzen!, Hinsetzen!“ Knüppel sausen auf und nieder. Sprechchöre: „Mörder, Mörder!, SA! SA!“ Der Polizeikommissaranwärter Moldenhauer steht weiterhin vor der Oper, er ist entsetzt.

„Das war schlimm, das ist nicht zu leugnen, das hätte man anders machen müssen; es fing ja schon an, sich zu zerstreuen“, sagt er. „Ich sehe immer noch ein paar Omis, die in der ersten Reihe standen. Wo die abgeblieben sind, weiß ich nicht. Das war ein total verunglückter Einsatz.“

Polizei wendet die "Leberwurst-Taktik" an

Auch andere Polizisten sind entsetzt; sie versuchen, Kollegen zu beschwichtigen, sogar zurückzuhalten. Aber der Einsatz ist bereits außer Kontrolle geraten. „Leberwurst-Taktik“ wird Polizeipräsident Duensing das Vorgehen nennen. „Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinander platzt.“

Vor dem Untersuchungsausschuss wird er die Taktik rechtfertigen: „Diese Leute hätten sich in dieser Situation nicht beruhigt, sondern sie hätten sich mit neuen Wurfgeschossen aller Art neu munitioniert! Die Dinge müssen aus der Situation heraus bereinigt werden, das ist ein alter polizeilicher Grundsatz!“ Und er wird sagen, dass er sich von Untergebenen hintergangen fühle. Und von amerikanischen Stellen. Der Schlauch platzt auf, Menschen quetschen rechts und links heraus. Das dicke Ende quellt in Richtung Ernst-Reuter-Platz, in die Krumme Straße.

Ein Junge am Fenster wird zum Zeugen

Hans Brombosch hat dort gewohnt. Der 58-Jährige sitzt in der Redaktion der Berliner Zeitung. Vor ihm liegt eine Grafik. Sie stammt aus der Spiegel-Ausgabe vom 12. Juni 1967. Er deutet mit einem Zeigefinger auf eine graue Fläche an der Ecke Krumme Straße 66/67 und Schillerstraße 29. Die Wohnung seiner Eltern befand sich dort: drei Zimmer, Küche, Bad. Alle Räume, bis auf das Wohnzimmer, gingen nach hinten raus, zum Innenhof, wo Autos parkten und Rasen wuchs und die große Wiese angrenzte, die an der Ecke Bismarckstraße und Krumme Straße lag.

2. Juni 1967: Hans Brombosch beobachtete damals den Schuss auf Benno Ohnesorg

Hans Brombosch (58). Als achtjähriger Schüler wurde er Zeuge der Ereignisse im Innenhof an der Krummen Straße, wo der tödliche Schuss auf Ohnesorg fiel.

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Sabeth Stickforth

„Hier war das Schlafzimmer meiner Eltern“, er zeigt auf die hintere Hofecke, „daneben das Bad, durch das man nicht gucken konnte, weil das Fenster aus Milchglas war, dann die Küche und mein Kinderzimmer.“

Der 2. Juni 1967 ist für den achtjährigen Drittklässler Hans ein Freitag wie jeder andere: zur Helene-Lange-Schule an der Sybelstraße gehen, zu Hause Mittag essen und Schulaufgaben machen, auf der Wiese bolzen, im Hof an der Teppichklopfstange turnen und im Sandkasten spielen, unter dem Schlafzimmerfenster der Eltern.

Der Junge beobachtet alles durchs Küchenfenster

Es ist zwischen 20.10 Uhr und 20.15 Uhr. Hans sitzt im Sandkasten. Stimmen werden laut, das Gewirr dringt von der Bismarckstraße über die Wiese bis in den Hof. „Ich stand auf und ging zum Zaun und sah ein Katz- und Mausspiel: Polizisten gingen vor, Demonstranten zurück, Polizisten gingen zurück, Demonstranten vor. Und es hörte sich so an, als würden sich alle gegenseitig anfeuern.“ Eine Weile schaut Hans dem Treiben zu, dann setzt er sich wieder in den Sandkasten. Sein Vater ruft ihn plötzlich: Hans, du musst reinkommen!

„Mein Vater hatte die Gefahr offenbar erkannt; er ließ die Rollläden runter.“ Die Polizei drängt die Demonstranten durch die Krumme Straße. Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras fällt ein „Fuchs“ auf, ein Mann mit Trillerpfeife; er und zwei Kollegen verfolgen ihn. Der „Fuchs“ flieht auf den Hof an der Krummen Straße.

Hans ist in seinem Kinderzimmer, er hört von draußen Rufe und Gebrüll. Neugierig lüpft er die Rollläden, nur so viel, dass er sehen kann, was da vor sich geht. Sein Vater sitzt im Wohnzimmer, auf der anderen Seite der Wohnung; seine Mutter ist nicht Zuhause. Hans sieht durch das Fenster, wie sich die Straße mit Menschen füllt. Er läuft ans Küchenfenster, um mehr sehen zu können; er hebt auch diese Rollläden ein wenig.

20.20 Uhr: Ein Mann im roten Hemd steht herum

Plötzlich kommen Leute auf den Hof. Er rennt ins Schlafzimmer, um auch von dort zu gucken. In den folgenden Minuten flitzt er von Fenster zu Fenster, damit ihm ja nichts entgeht. „An der Klopfstange standen Leute, die zogen und zerrten und schubsten und prügelten mit Knüppeln und sogar einem Regenschirm, bis an unsere Fenster heran“, erinnert sich Hans Brombosch. „Einige sprangen über den Zaun, um sich in Sicherheit zu bringen.“

20.20 Uhr. Christa Ohnesorg und ihr Begleiter stehen an der Ecke Krumme Straße und Schillerstraße. Benno kommt auf sie zu, sagt, „da vorne“ sei etwas los und verliert sich in der Menge. Da vorne ist der Hof, da ist Gerangel, da ist Geknüppel. Hans, der Junge, kann keinen klaren Gedanken fassen. „An der Klopfstange fiel mir ein Mann mit rotem Hemd auf“, sagt Hans Brombosch. „Der stand da, hatte ein Tuch oder eine Fahne in der Hand, und beobachtete die Situation. Mir schien, der wollte vom Hof.“

Dann schoss Karl-Heinz Kurras auf Benno Ohnesorg

Die Auswertung von Fotos und Filmaufnahmen sowie Zeugenaussagen ergeben dieses Bild vom Geschehen:

Ein Demonstrant, der mit der Trillerpfeife, krümmt sich an der Klopfstange. Bei ihm stehen ein Polizist mit Knüppel und zwei Anzugträger. Der Mann im roten Hemd ist Benno Ohnesorg. Unbeteiligt steht er da. Es scheint so, er könne nicht glauben, was er da sieht. Hinter Ohnesorg, an einem Pfeiler, liegt ein weiterer Demonstrant auf dem Boden. Drei Polizisten knüppeln und treten auf ihn ein.

Ohnesorg wendet sich ab, er will den Hof verlassen. Zwei Polizisten versperren ihm den Weg. Er versucht gestenreich, sie zu beschwichtigen. Ein dritter Polizist knüppelt ihm von hinten auf den Kopf. Ohnesorg sackt zusammen. Zu dritt schlagen sie auf ihn ein, auf seine Arme, mit denen er seinen Kopf schützen will, auf Nacken, Rücken, Gesäß.

Hinter Ohnesorg, eineinhalb Meter entfernt, steht Kurras mit hochrotem Kopf und gezogener Pistole. „Plötzlich hörte ich einen Knall“, sagt Hans Brombosch, der zu diesem Zeitpunkt durchs Küchenfenster lugte. „Ich sehe, wie der Mann im roten Hemd nach vorne stürzt, und kurz dahinter, frei stehend, eine Person mit einer Pistole in der Hand. Mir war klar: Das ist ein Schuss gewesen! Und dann lag der im roten Hemd da. Ich dachte: Der ist gestolpert, der steht gleich wieder auf.“ Ohnesorg steht nicht wieder auf, die Polizisten schlagen weiter auf ihn ein.

"Bist du wahnsinnig, hier zu schießen!“

Auch der Polizist Horst Geier deutet den Knall als Schuss. Er sieht Kurras mit einer Waffe in der Hand und schreit: „Bist du wahnsinnig, hier zu schießen!“ Kurras stottert: „Die ist mir losgegangen.“ Der Knall ist zu hören in der Dokumentation von Roman Brodmann. Ein Tontechniker des Filmteams ließ sein Aufnahmegerät in dem Moment laufen, als Kurras schoss. Ungefähr eine Minute später befiehlt jemand: „Kurras, gleich nach hinten! Los, schnell weg!“

Benno Ohnesorg liegt auf dem Rücken, sein Hinterkopf in einer Blutlache. Er stöhnt, bewegt die Lippen, ist nicht ansprechbar. Eine Frau schreit nach einem Krankenwagen; die Polizisten ignorieren sie. Ein Arzt kommt vorbei; er darf nicht helfen. Hans, der junge Augen- und Ohrenzeuge, ruft seinem Vater über den Flur zu: „Papa, Papa, da hat jemand geschossen!“ Er holt ihn aus dem Wohnzimmer, weil er ihn nicht gehört hat. Beide beobachten, was weiter passiert.

Träume von blutverschmierten Händen

Bernhard Wilhelmer, der Studentenvertreter, befindet sich in der Krummen Straße, als er den Knall hört. Er geht in den Hof, sieht einen Mann am Boden liegen und davor eine Frau, die dessen Kopf hält, unter den sie ihre Handtasche gelegt hat. Friederike Dollinger heißt diese Frau; die Studentin wollte die Oper besuchen, wurde aber abgewiesen.

2. juni 1967: Friederike Dollinger beugt sich über den tödlich getroffenen Benno Ohnesorg.

Tatort Krumme Straße am 2. Juni 1967: Friederike Dollinger beugt sich über den tödlich getroffenen Studenten Benno Ohnesorg.

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dpa

Friederike Dollinger trägt heute den Nachnamen Hausmann. Sie will nicht mehr über den 2. Juni 1967 reden, teilte sie in einer E-Mail mit.  Was soll sie auch sagen, was sie nicht schon gesagt hat? Dass sie wütend war, „weil die Beamten um den Mann herumstanden und nichts für ihn taten“, wie sie gegenüber der Staatsanwaltschaft 1967 beklagte? Dass sie noch lange von ihren blutverschmierten Händen träumte, wie sie dem Spiegel 1997 offenbarte? Dass ihr das Foto, das sie mit Ohnesorg zeigt, „auf die Nerven“ gehe, weil sie „immer nur mit diesem einen Moment identifiziert“ werde, wie sie der Süddeutschen Zeitung 2009 gestand? Dass das, was nach dem 2. Juni 1967 folgte, „einem den letzten Rest an Glauben in den Rechtsstaat genommen“ habe, wie Uwe Soukup sie zitierte?

Der Student Bernhard Wilhelmer steht im Hof wie betäubt. Er wendet sich schließlich ab, geht zu seinem Auto und fährt zum AStA.

Eine Vertuschungsaktion?

20.50 Uhr. Ein Rettungswagen kommt, eine fast dreiviertelstündige Irrfahrt beginnt. Das Achilles-Krankenhaus am Kudamm ist überfüllt. In der Uniklinik Westend ist kein Chirurg verfügbar. Die Polizei lotst den Wagen ins Städtische Krankenhaus Moabit. Der Notarzt giftet die Sanitäter an, warum sie ihm einen Toten brächten. Ohnesorg wird geröntgt, er wird operiert. Der Chirurg bricht ein Knochenstück mit dem Einschussloch aus dem Schädel und vernäht die Wunde. Das Knochenstück verschwindet.

2. Juni 1967: Benno Ohnesorg wird ins Krankenhaus transportiert

2. Juni 1967: Der Student Benno Ohnesorg wird auf einer Trage ins Krankenhaus transportiert, wo er kurze Zeit später seinen Schussverletzungen erlag. 

Foto:

dpa

22.55 Uhr. Ohnesorg wird für tot erklärt. Ursache laut Totenschein: „Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung. Fremverschulden“ – das d fehlt.  Kein Wort von einer Schussverletzung. Eine Vertuschungsaktion? Die Obduktion tags darauf wird ergeben: Ohnesorg starb an einem Gehirnsteckschuss. Die Kugel drang hinter dem rechten Ohr ins Gehirn, von unten nach oben verlaufend. Die Verletzung war so schwer, dass auch eine sofortige Notoperation sein Leben wahrscheinlich nicht gerettet hätte.

Der Polizist Kurras tauscht in den folgenden Stunden das Magazin seiner Dienstwaffe aus und säubert sie; und er lässt seine Dienstkleidung reinigen. Der Tatort wird tags darauf wenig preisgeben. Die Hausmeisterin hat den Hof sauber gemacht. Die Ermittler entdecken eine Geschosshülse aus Kurras’ Waffe. 23.30 Uhr. Das Kaiserpaar kehrt ins Hilton zurück. Mitternacht. Bürgermeister Albertz erfährt aus dem Radio vom Tod eines Demonstranten, aber nichts über die Umstände.

Trauer, Wut, Zorn

Studentenvertreter Bernhard Wilhelmer diskutiert beim AStA in der Garystraße in Dahlem mit Kommilitonen über den dramatischen Tag. „Die Stimmung war zweigeteilt: Schockstarre und Wutausbrüche“, erinnert er sich. „Aber trotz Trauer, Wut, Zorn: Gewalt war für uns, zumindest für 99 Prozent, nach wie vor kein Thema.“

00.30 Uhr. Die Lage in der Stadt, auch am Kudamm, wo Demonstranten Zeitungen des Springer-Verlags in Brand gesetzt hatten, normalisiert sich.

1 Uhr. Bürgermeister Albertz lässt eine Erklärung verbreiten. „Die Geduld der Stadt ist am Ende.“ Einige Dutzend Demonstranten hätten ein Menschenleben und zahlreiche Verletzte zu verantworten. „Ich sage ausdrücklich und mit Nachdruck, dass ich das Verhalten der Polizei billige.“ Er wird sich später davon distanzieren.

4.30 Uhr. Polizisten informieren Christa Ohnesorg über den Tod ihres Mannes: Er sei an einer Schädelfraktur gestorben, zugefügt durch einen unbekannten Täter oder unbekannte Täter.

Am 3. Juni beschuldigt die Bild-Zeitung die Studenten

3. Juni. Die Zeitungen berichten, Schuld am Tod des Studenten seien Demonstranten. Die Bild-Zeitung wirft ihnen „SA-Methoden“ vor.

10 Uhr. 500 Personen versammeln sich vor dem Haupteingang der FU. Ein Plakat klagt an: „Berliner Polizei beging einen Mord.“

10.50 Uhr, Flughafen Tempelhof. Der Schah verlässt Berlin, er hinterlässt eine Stadt im Schockzustand. Auch der Studentenvertreter Bernhard Wilhelmer muss einen Schock verkraften. „Mein eigener Vater nannte mich ,Mörder!’“, sagt Wilhelmer. „Seine Logik: Hätte ich die Demonstration nicht angemeldet, wäre Benno Ohnesorg nicht ums Leben gekommen.“

Der Student musste sich diese „Logik“ am 3. Juni anhören; er zog noch am selben Tag von Zuhause aus. Zu einer Versöhnung mit dem Vater kam es nicht mehr. Er starb bald darauf. Hunderttausende demonstrieren bis zum 9. Juni 1967 in Universitätsstädten, nicht nur Studenten.

Keine Aussage vor Gericht

Hans, der junge Augenzeuge, macht am 4. Juni bei der Polizei eine detaillierte Aussage. Die Kriminalmeisterin, die ihn vernimmt, vermerkt, der Zeuge sei „in keiner Weise in der Lage (…), tatsächliches Geschehen wiederzugeben“. Das Protokoll liegt im Landesarchiv Berlin, im ersten von achtzehn Aktenbänden zum Strafverfahren gegen Kurras. Der Vermerk verhindert, dass Hans vor Gericht aussagt.

Akte der Staatsanwaltschaft zum Fall Karl-Heinz Kurras

Akte der Staatsanwaltschaft zum Fall Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss.

Foto:

camcop media / Andreas Klug

Der Untersuchungsausschuss legt seine Ergebnisse im September vor; er wirft der Polizei schwere Versäumnisse vor: Es fehlte an eindeutigen Regelungen für den Fall polizeilicher Großeinsätze bei Demonstrationen, an einer zentralen Führungsinstanz und an einem gemeinsamen Einsatzbefehl für alle Einheiten. Das Kommando der Schutzpolizei gibt Fehler zu. „Diese Fehler sind aber (…) für den Verlauf des 2. Juni 1967 nicht entscheidend gewesen und werden stark überbewertet.“ Der Untersuchungsausschuss verwirft die These, der Einsatz war eine geplante Aktion.

Der studentische Ermittlungsausschuss veröffentlicht seine Ergebnisse im April 1968; er kommt zum gegenteiligen Schluss: Der Einsatz war eine zentral gelenkte Notstandsübung. Bürgermeister Albertz führt den Polizeieinsatz auf falsche „Ost-West-Front-Denkmuster“ zurück. „Ich war am schwächsten, als ich am härtesten war.“ Er tritt am 26. September zurück.

Innensenator Büsch ist ihm am 19. September vorangegangen, Polizeipräsident Duensing ist am 22. vorzeitig in den Ruhestand versetzt worden. Der Polizist Kurras muss sich wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung verantworten. Eine Anklage wegen Totschlags wird nicht zugelassen.

Warum schoss Kurras?

Er sagt, er sei auf den Hof an der Krummen Straße gedrängt und dort zu Boden geschlagen worden; er habe seine Waffe gezogen und entsichert; man habe versucht, sie ihm zu entreißen; er habe ein oder zwei Messer aufblitzen sehen; man habe versucht, auf ihn einzustechen; er habe ein oder zwei Warnschüsse abgegeben. Zwei Strafverfahren gegen Kurras, 1967 und 1970, enden mit Freisprüchen: Der Angeklagte habe sich bedroht gefühlt und daher unkontrolliert gehandelt („putative Notwehr“).

Eine 2009 von der Bundesanwaltschaft veranlasste Überprüfung von Foto- und Filmmaterial erhärtet den Verdacht, dass Kurras unbedrängt und unbedroht war und gezielt auf Ohnesorg schoss und dass Polizeikollegen das aus nächster Nähe beobachteten. Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt.

Warum schoss Kurras, ein sehr guter Schütze und Waffennarr? Gingen ihm die Nerven durch? Wollte er ein Exempel statuieren, das zufällig Ohnesorg traf? Handelte er im Auftrag der Stasi, für die er seit zwölf Jahren spitzelte? „Aus Spaß!“, blaffte er Buchautor Uwe Soukup 2009 an. Was ist davon zu halten?  Antworten kann Kurras selbst nicht mehr. Er starb 2014.

Blanker Hass gegen Polizisten

Und die Akten sind lückenhaft. Die Berliner Zeitung schreibt im Mai 2009, Verfassungsschützer hätten schon damals Kenntnis gehabt von Kurras’ Stasi-Aktivitäten. Aber diese Akten „gibt es angeblich nicht mehr“, zitiert die Zeitung den Innensenator, „aus Datenschutzgründen“. Antworten liegen vielleicht in den National Archives in Washington, D. C. Nach Ansicht von Experten wie Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar, Chronist der 68er-Bewegung, hat der 2. Juni 1967 „kaum ohne eine verdeckte Orchestrierung durch entsprechende US-Stellen stattfinden können“.

Der 2. Juni 67 politisierte junge Menschen. Viele revoltierten, einige radikalisierten sich. „Nach dem Tod von Benno Ohnesorg schlug uns an der Freien Universität blanker Hass entgegen“, sagt der Leitende Polizeidirektor a.D. Hartmut Moldenhauer.

Die Polizei bildete 1969 ein „Diskussionskommando“, um nach zwei Jahren Straßenschlachten die verhärteten Fronten aufzulockern. Dafür meldeten sich 47 Beamte. Auch Moldenhauer war Mitglied der „Gruppe 47“. Er erlebte Leute, die ihm zuhören konnten, und solche, die den Staat zerschlagen wollten. Ein paar machten Ernst.

Juni 1967: Trauer um Benno Ohnesorg am Grenzübergang Dreilinden

Trauer um Benno Ohnesorg am Grenzübergang Dreilinden am 8. Juni 1967: Ein Konvoi begleitet den Toten bis nach Hannover. Die DDR-Behörden verzichten auf Kontrollen und Transitgebühren.

Foto:

bpk / Klaus Lehnartz

Ein Schuss, viele Folgen

Gudrun Ensslin, die in Berlin studierte, rechtfertigte ihren Schritt in den Terror der RAF mit den Worten: „Wodurch? Schah – Kurras – Ohnesorg, das ist jedenfalls die kürzeste Erklärung, die ich geben kann.“ Und die Terrorvereinigung „Bewegung 2. Juni“ nannte sich so, um darauf hinzuweisen, „dass sie zuerst geschossen haben!“.

Bernhard Wilhelmer ist wichtig zu sagen, dass die Studentenbewegung und die APO mit dem Terror so gut wie gar nichts zu tun gehabt hatten, so wenig wie Muslime mit dem Islamischen Staat zu tun haben. Hartmut Moldenhauer betont, dass mit 1967 in den Reihen der Polizei nach und nach ein neues Denken und Handeln einsetzte.

Hans Brombosch glaubt inzwischen, dass am 2. Juni 67 „nicht alles mit rechten Dingen zuging“. Er will jetzt selbst Dokumente wälzen. In der Krummen Straße fiel der Schuss. Im Gedächtnis der Geschichte hallt er noch heute nach. Und nicht nur in diesem.

  1. Der Tag, an dem Benno Ohnesorg in Berlin starb
  2. Wie ein Polizist den 2. Juni 1967 erlebte
  3. Dann schoss Karl-Heinz Kurras auf Benno Ohnesorg
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